Interview Tachles mit Jean-Daniel Ruch


«Das Schweizer Bildungssystem ist ein Exportschlager»













Jean-Daniel Ruch möchte als Schweizer Botschafter in Israel ein moderneres Bild der Schweiz vermitteln.

Der in Tel Aviv stationierte Schweizer Botschafter Jean-Daniel Ruch weilte Ende September in Bern – gegenüber tachles äussert er sich über die diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und Israel.

tachles: Herr Botschafter, die diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und Israel sind fast so alt wie Israel selbst, nämlich demnächst 70 Jahre. Wie würden Sie die israelisch-schweizerischen Beziehungen umschreiben?
Jean-Daniel Ruch: Die Beziehungen sind gut, es gibt aber viel Potenzial, insbesondere in den Bereichen Wirtschaft und Innovation.

Wo arbeiten Israel und die Schweiz heute eng zusammen?
Heute ist Innovation eindeutig das Feld, bei dem es auf beiden Seiten am meisten Interesse gibt. Vielversprechend ist zum Beispiel der Fintech-Bereich, also die Finanzdienstleistungen in Verbindung mit neuer Technologie. Ein Exportschlager der Schweiz ist auch das Bildungssystem der Berufslehre.

Wo liegen die Baustellen in den diplomatischen Beziehungen?
Es gibt keine Baustellen. Jedes Jahr führen wir einen politischen Dialog mit Israel durch, bei dem wir alle Themen diskutieren.

Welches Image hat die Schweiz bei den Israeli und den Palästinensern?
Mein Anliegen ist es, ein moderneres Bild der Schweiz zu vermitteln. Eine Schweiz, die dynamisch, kompetitiv und innovativ ist – nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Kultur und der Wissenschaft.

Sie leben nun seit zwei Jahren in Israel und stehen in den palästinensischen Gebieten und im Gazastreifen wohl auch in Kontakt mit PLO und Hamas. Wie hat sich Ihr Bild vom komplexen Konflikt vor Ort verändert?
Ich bin Schweizer Botschafter in Israel. Im besetzten palästinensischen Gebiet hat die Schweiz ein Vertretungsbüro, das von Julien Thöni geleitet wird.

Friedenslösungen scheinen heute ferner denn je, die politischen Fronten sind festgefahren. Im Gazastreifen schickt die Hamas Tausende Menschen an die Grenzzäune in Todesgefahr und zerstört mit Feuerdrachen israelisches Kulturland. Welche Spielräume haben Sie als Schweizer Botschafter, um im kleineren Rahmen Brücken zu bauen?
Eine Brücke kann entstehen, wenn Unternehmer auf beiden Seiten zusammenarbeiten können, zum Beispiel im Bereich Innovation. Hier versuchen wir zu unterstützen. Beispielsweise hat eine Frau im Gazastreifen ein intelligentes Produkt aus Solarzellen entwickelt, das eine bessere Stromversorgung gewährleisten­ würde. Wir haben Kontakte zu möglichen­ Investoren ausserhalb des Gazastreifens hergestellt.­

Die Schweiz bemüht sich um ihre Rolle als neutraler Staat. Gleicht das im Nahen Osten nicht einer Quadratur des Kreises, die nachweislich nicht möglich ist?
Nein, ich bin überzeugt, dass wir eine hohe Glaubwürdigkeit als neutraler Staat geniessen.

Als Schweizer Botschafter vertreten Sie auch die «Kolonie» von rund 18 000 Schweizerinnen und Schweizern in Israel. Wie setzt sich diese zusammen?
Eigentlich sind es heute sogar mehr als 20 000, mehrheitlich Doppelbürgerinnen und Doppelbürger, und es ist die schweizerische Gemeinschaft in der Welt, die am schnellsten wächst. Die Dienste an den Schweizerinnen und Schweizern ist eine der Hauptaufgaben der Botschaft und der beiden Honorarkonsulate in Haifa und Eilat.

Haben die zwei Jahre in Israel Sie persönlich spirituell beeinflusst? Wenn ja, wie?
Für mich ist Spiritualität etwas exklusiv Persönliches,­ Intimes – und eigentlich etwas Geheimes.

Hannah Einhaus